Basale Stimulation


Protokoll des Rett-Info Tages am 12. November 2016

 

Wir begrüßen unsere Referentin Edith Meyer, die als Krankenschwester aktiv im Berufsverband tätig ist.

 

 

Frau Edith Meyer hat folgende Qualifikationen:

Gesundheits- und Krankenpflegerin mit Weiterbildung Intensivpflege und Anästhesie
Pflegewissenschaftlerin BScN, MScN
Lehrerin für Pflegeberufe
Kursleiterin Basale Stimulation® in der Pflege (1994) mit Qualifikationsseminar (1996)
Supervisorin für Pflegeberufe (1992)
Dozentin am Centrum Kommunikation Information Bildung CeKIB Klinikum Nürnberg

 

 

Frau Meyer versteht Pflege als Unterstützung im Alltag, als Begleitung im „So-Sein“ (wie ein Mensch ist).

 

Was ist der Mensch? Was gibt es zu beachten? Einschränkungen bei der Kommunikation oder Bewegung zum Beispiel.

 

Basale Stimulation versteht sich als ein Konzept zur Förderung und Erhaltung der Wahrnehmungsfähigkeit und Bewegung beim beeinträchtigten Menschen. Basale Stimulation versteht sich als eine Form der ganzheitlichen körperbezogenen Kommunikation. Der Blick der Pflegenden soll verändert werden und Sensibilität sich entwickeln im Hinblick auf die Frage: Was braucht der MENSCH?

Nicht: Welche Technik habe ich gelernt?

 

Herr Professor Dr. Andres Fröhlich und Frau Professor Christl Bienstein, er Pädagoge für schwerbehinderte Kinder, promoviert als heilpädagogischer Psychologe, sie Krankenschwester und Studium der Pädagogik, gelten als die beiden Entwickler der basalen Stimulation. Die Erkenntnisse daraus sollen einfließen in alle Handlungen mit dem Menschen. Der „neue Blick“ auf den Menschen bedeutet eigenaktive Interaktion ab dem 1. Lebenstag. Das Menschenbild, wie es die beiden Begründer des Konzeptes definieren, sieht den Menschen autonom und in Wechselbeziehung zur Umwelt.

 

Das heißt Umdenken für uns Pflegende!. Jeder Mensch ist eine Persönlichkeit und verdient Respekt.

 

Die Reaktionen komatöser Patienten wie Krämpfe, hohe Körperspannung, Magenblutung … beweisen, dass jedes Anfassen eine Beziehung auslöst, auf die der Körper reagiert. Sogar im Koma. Jeder Mensch hat die Fähigkeit zum Erleben und auch das Bedürfnis nach Ausdruck und Kommunikation.

 

Schreien – häufig ein großes Problem bei Rett-Kindern - kann als Ausdruck von Angst und Unverständnis der Situation oder als Abwehr gedeutet werden. Dabei sollten wir verinnerlichen, es ist für manche Menschen – wie unsere Kinder zum Beispiel - das einzige Mittel sich auszudrücken.

 

Auch Eltern sehen ihr Kind leider oft defizitär, richten ihre Aufmerksamkeit auf die Dinge die es NICHT kann z. B. sprechen, krabbeln, fehlende Kompetenz usw.  Unser Augenmerk liegt auf der Abweichung von der Norm.

 

Doch lassen wir uns statt dessen darauf ein zu sehen, was es kann, finden wir bald eine gute Basis auf der wir mit unserem Kind sicher stehen. Im Sprachgebrauch fehlt es uns bereits an der Definition für normale Wahrnehmung, wogegen Wahrnehmungstörungen vielfach beschrieben werden. Die Wahrnehmung ist subjektiv abhängig vom eigenen bisherigen Erleben.

 

Basale Stimulation ist keine Methode und keine Technik, sie ist handlungsorientiert und sie ist eine Haltung, aus der sich Handlungsweisen ergeben. Im Zentrum steht der Mensch in seiner psychischen Realität. Körperbezogene Kommunikation ist manchmal der einzige Weg. Basal definiert sich dabei an der Basis der Wahrnehmung. Ohne Vorkenntnisse erreicht sie jeden lebenden Menschen. Stimulation geschieht durch körperbezogene Angebote, Anregung einfachster Art, wahrnehmungsfördernde Angebote die jeder Mensch aufnehmen kann. Sie gibt Orientierung in Situationen unklarer Wahrnehmung in der Kommunikation oder in Bewegungssituationen, ist Entwicklungsanregung, Stressreduktion und begleitet auch beim Sterben.

 

Der Kinofilm „Zeit des Erwachens“ mit Robert de Niro und Robin Williams in den Hauptrollen handelt von Komapatienten und wird uns von Frau Meyer als sehr sehenswert empfohlen.

 

Die basale Stimulation behandelt Menschen nicht wie Puppen, sondern als eigenständige Persönlichkeit. Im Bewusstsein wie Wahrnehmung sich entwickelt (siehe Grafik unten) überlegen wir:

 

WIE berühren wir?

Welche Muster haben sich im Umgang mit unseren Kindern festgesetzt?

Wie empfinden das unsere Kinder eigentlich?

 

In den nun folgenden Partnerübungen zeigt sich, dass feste Abläufe, langsame klar abgegrenzte fließende Bewegungen und bedeutungsvolle Berührungen besser angenommen werden. Somatische Wahrnehmung wird gefördert.

 

Die Eltern fragen nach dem Umgang mit Autisten? Sollen wir deren Ablehnung akzeptieren? Frau Meyer erklärt dass man bestimmten Spiegelneuronen die Fähigkeit für emotionale Wahrnehmung zuschreibt, bei Autisten sind diese Spiegelneuronen gestört und darum können Autisten nicht reflektieren. Sie rät im Umgang mit Autisten zu vorsichtig angebahnten Berührungen, langsames Herantasten. Intime Stellen wie Brust, Hals oder Gesicht sollten lieber ausgespart werden. Unsere gängigen Konzepte der Kommunikation sind anschauen, nicken, erwiedern. Wir dürfen nicht enttäuscht sein, wenn das bei unserem schwerbehinderten Kind ausbleibt. Wir sollten dies akzeptieren (annehmen) und mit dem Kind eine mögliche gemeinsame Ebene der Kommunikation suchen.

 

Wir wollen durch basale Stimulation Sicherheit geben, nicht bedrohen. Wir wollen vorsichtig anbahnen, z. B. sanft über den Rücken streichen und von da aus weiter vortasten. Wir wollen Ängste ergründen. Abwehr gründet sich oft auf schlechten Erfahrungen wenn abstraktes Begreifen nicht möglich ist. Daher ist Halten, Stützen, einfach nur „dasein“ wichtig. Eine weitere praktische Übung, während der wir ohne Bewegung längere Zeit auf unseren Händen sitzen, blockiert sofort unsere Wahrnehmung des ICH.

 

Bewegung macht Wahrnehmung erst möglich, ist Grundlage aller menschlichen Äußerungen.

 

Kommunikation beeinflusst unsere Wahrnehmung.

Unsere Kinder schreien, weil sie sich in ihrer Wahrnehmung bedroht fühlen.

Wahrnehmung   -   Bewegung   -   Kommunikation → beeinflussen sich gegenseitig.

 

Wahrnehmungsaktivitäten stehen in enger wechselseitiger Verknüpfung mit anderen Aktivitäten. Im subjektiven Erleben stehen immer andere Aktivitäten im Zentrum. Bei Kindern sind stets alle Bereiche gleich wichtig, wirklich und gleichzeitig. Der erwachsene Menscht kann kognitiv vieles umstrukturieren. Beeinträchtigte Menschen können das nicht. Erfahrung wird immer als Ganzes aus allen Bereichen gespeichert.

 

 

Habituation – Gewöhnung - zentralnervös bedingte Reaktionsabnahme durch Wahrnehmungsssituationen, die sich nicht verändern, ist in allen Sinnesbereichen möglich.

Taktile Abwehr – wahrnehmungsbeeinträchtige Menschen reagieren auf unbekannte Reize mit hoher Körperspannung.

Selbstverletzung – ein Mittel zur Eigenwahrnehmung – dagegen setzen kann man Berührungen wie Ausstreichen oder Vibration.

 

Berührung ist lebensnotwendig.

 

Sie nimmt Einfluss auf die Hormone, kann angstlösend und schmerzlindernd wirken. Flüchtige punktuelle abgehackte Berührungen sind unangenehm. Wir besitzen jedoch die elementare und natlürliche Fähigkeit zur Berührung in einem positiven Sinn. Das Streicheln fördert die Ich-Identität durch die Erfahrung der Abgrenzung schon beim Baby. Basale Stimulation durchzieht idealerweise die ganze Pflege und den Umgang mit dem Menschen.

 

Dabei gilt Eigenbewegung vor Fremdbewegung → z. B. Handführung.

 

Der Rhythmus des Gepflegten ist auschlaggebend. Oft ist dieser Rhythmus verzögert.

 

Schaukelstühle werden häufig einem beeinträchtigen Menschen angeboten, doch sie können – wie Eltern anmerken – beim Rett-Syndrom oft große Panik auslösen. Die Alternative wäre der Versuch, unser Kind sanft im Schoss zu schaukeln.

 

 

Die Botschaft von Edith Meyer haben wir verstanden, mit Respekt auf den Menschen eingehen, sich seinem Rhythmus anpassen, sich eingefahrene Muster im Pflegealltag bewusst machen, sie aufzubrechen und eine neue gemeinsame Basis zu finden.


Rett-Info Tages am 12. November 2016

Protokoll Herta Wechselberger

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