Skoliose -- Vortrag von Herrn Prof. Dr. Cornelius Wimmer (Schönklink Vogtareuth)


Anatomie

 

Die Wirbelsäule besteht aus Halswirbeln, Brustwirbeln, Lendenwirbeln, dem Kreuzbein und dem Steißbein.

 

Ihre Aufgaben betreffen Statik, Haltung, Schutz des Rückenmarks und Bewegung. Außerdem stellt sie das zentrale Achsenorgan unseres Körpers dar.

 

Die Ebenen der Wirbelsäule bezeichnet man als Frontalebene – von vorn, Sagittalebene – seitlich und Horizontalebene – Querschnitt.

 

Die gesunde Wirbelsäule befindet sich in Balance. Die obere Ausbuchtung bildet mit der unteren Einbuchtung die bekannte S-Form. Seitlich gesehen befindet sich die gesunde Wirbelsäule in der Lotlinie.

 

Die Wirbelsäule entwickelt ihre endgültige Form bis zum 10. Lebensjahr.

 

Definition der Skoliose

 

Skoliose definiert sich als Verkrümmung auf Frontalebene mit Verdrehung der Wirbel. Das führt zur dreidimensionalen Veränderung der Brust- und Lendenwirbelsäule.

 

Es werden Fotos und Röntgenaufnahmen gezeigt.

 

Einteilung der Skoliose

 

Skoliose kann als ideopathische Form vorliegen (nicht bekannte Ursache), als kongenital (angeboren), als neuropathisch/paralytisch/neurogene Form (bedingt durch neurologische/muskuläre Grunderkrankungen) und als iatrogene Form (aufgrund medizinischer Behandlungen). Außerdem gibt es seltene Formen, zu denen auch das Rett-Syndrom zählt. Auch kann das Rett-Syndrom mit den neuropathischen/neurogenen Skoliosen verglichen bzw. dort ebenfalls eingeordnet werden.

 

Diagnose

 

Der Fachmann erkennt Skoliose an der Schwingung der Dornfortsätze.

Die klinische Diagnostik umfasst den Rippenbuckel als Merkmal sowie die Messung nach Cobb. Das bedeutet den Winkel zu ermitteln. Das Messergebnis wird als Gradzahl angegeben. Ab 10 Grad Cobb sprechen wir von Skoliose.

 

 

Ideopathische Skoliose

 

Die ideopathische Skoliose (Skoliose unbekannter Ursache) wird eingeteilt nach Zeitpunkt des Auftretens und nach Apex. Der Apex bezeichnet die Lokalisation des Rippenbuckels.

 

Ferner gibt das Risserzeichen im Röntgenbild Auskunft über die Ausprägung der Verknöcherung der Beckenkammapophysen. Davon können Rückschlüsse auf die Knochenreife und das zu erwartende Skelettwachstum gezogen werden.

 

Die Ätiologie (Ursache und auslösende Faktoren) wird zu 80 – 85 % als genetisch bedingt vermutet.

 

Die ideopathische Skoliose behandelt man bis 20 Grad Cobb mit Physiotherapie, zwischen 20 – 40 Grad Cobb mit Korsett, das die Beckenwirbel umfassen sollte, und ab 50 Grad Cobb mit einer Operation.

 

Ziel der Behandlung bei ideopathischer Skoliose ist der Abbau des Cobb-Winkels. Beispielsweise mit Korsett behandelt man mit 23 Stunden Tragedauer am Tag. Der Behandlungserfolg wird gehalten mit 16 Stunden Tragedauer am Tag. Dann folgt die Ausschleichphase in der oft nur noch nachts das Korsett getragen wird. Gebrauchsspuren am Korsett zeigen deutlich ob die Behandlungszeiten eingehalten werden.

 

 

Neuropathische/Paralytische/Neurogene Skoliose

 

(bedingt durch neurologische oder muskuläre Grunderkrankungen)

 

Das Ziel der Behandlung ist hier Verschlechterung zu verhindern, Sitzen zu erhalten und Beckenschiefstand zu korrigieren.

 

Die Behandlung erfolgt zum Beispiel über Korsett, Rollstuhladaption, Botox, frühes Stehtraining oder Operation.

 

Kongenitale Skoliose

 

Die angeborene Skoliose zeigt Formationsstörungen der Wirbel die anlagebedingt sind. Oft begleitet von weiteren Missbildungen beispielsweise an Niere oder Herz.

 

Die Diagnostik erfolgt über Röntgen und weitere bildgebende Verfahren wie MRT und CT in Narkose.

 

Da das Korsett hier nicht wirkt wird durch frühe Operation behandelt, durchaus schon mit 30 Grad und auch im 1. Lebensjahr.

 

Physiotherapie begleitet die Behandlung. Die geschwächte Muskulatur auf der konkaven Seite wird dabei aufgebaut.

 

Progredienz

 

Die Progredienz (das Fortschreiten) der Skoliose lässt sich auch mit Korsett nicht ganz unterbinden. Bei einer Krümmung von 30 - 40 Grad ist die Progredienz als mäßig zu betrachten, bei einer Krümmung ab 60 - 70 Grad als sehr massiv. Die rechte Herzseite wird hier sehr belastet und es kann zu Rechtsherzschwäche kommen.

 

Risiken bei bestehender Skoliose

 

... sind unter anderem Einschränkungen der Funktion und Lebensqualität, Lunge, Blase, Knochen, die ggf. bestehende Grunderkrankung und vieles mehr.

 

Historie der Skoliosebehandlung

 

Es gibt seit dem 18. Jahrhundert immer wieder verschiedene Versuche, die Skoliose zu behandeln. Anfangs ohne Erfolg bei regelrechter Körperverletzung. Es folgten einige brachiale Methoden bis sich die heutige deutlich sanftere Wirbelsäulenchirurgie entwickelte.

 

1955 setzte Paul Harrington den ersten Stab ein.

1969 entwickelte Paul Dwyer ein Schrauben-Kabel-System.

1975 verwendete Paul Zielke ein Schrauben-Stab-System.

1984 benutzten Cotrel und Doubousset Pedikelschrauben und Laminahaken.

In den 90er Jahren setzte sich das Translationsprinzip durch.

1995 führte Professor Harms Langkopfschrauben ein.

 

Es folgen eine lange Reihe von sehr eindrucksvollen Fotos, Röntgenbilder, Vorher-Nachher-Bilder.

 

 

Ausgangsituation

nach Korrektur

von der Seite gesehen


Heute werden deutlich schonendere Methoden angewandt und minimalinvasive Methoden nach Möglichkeit präferiert.

 

Die Skoliose-OP weist heute grundsätzlich gute Erfolge mit einer Quote von 90 – 100 % auf bei 0,1 % Risiko für neurologische Komplikationen. Der Blutverlust ist heute sehr gering. Während der OP wird verlorenes Blut wieder aufbereitet und es wird schon im Vorfeld der OP eine Eigenblutversorgung sichergestellt.

 

Eine ältere Studie aus dem Jahr 2002 belegt noch ganz andere Zahlen. Die Erfolge waren damals zwischen 54 - 74 % angesiedelt und die Komplikationsrate betrug 39 %.

 

Neu ist das wachstumslenkende Verfahren. Es kann bereits ab 2 Jahren angewendet werden, auch bei syndromaler Skoliose (syndrombedingt wie Rett-Syndrom). Ein Growing Rod (mitwachsender magnetischer Stab) der einmal eingesetzt wird, erlaubt anschließend Nachkorrekturen von außen ohne Operation. Er ist von außen magnetisch lenkbar unter Röntgenkontrolle.

 

Risiken der Operation

 

Heute geht ein Patient mit der Skoliose-OP folgende Risiken ein:

 

Bei neuropathischer Skoliose (die das Rett-Syndrom betrifft) 3 – 4 % Risiko für Infektionen, 0,08 % Risiko für neurologische Defizite (Wirbelsäulenverletzung). Der frühere Aufwachtest während der Narkose, um die Grenzen auszuloten und Risiken zu minimieren, ist heute nicht mehr nötig. Die Überwachung während der OP kann der Operateur anderweitig sicherstellen und Überkorrekturen mit ihren Folgeschäden verhindern.

 

In der Schönklinik erstellt Prof. Dr. Wimmer für jeden Patienten ein individuelles Risikoprofil. Daraufhin erfolgt die Entscheidung für oder wider die Operation.

 

Die Stufenbehandlung in der Schön-Klinik läuft folgendermaßen ab:

 

Ambulante Vorstellung -> stationäre Diagnostik (jeweils mit Konsil mit der Neuropädiatrie sowie extern) -> Operation (18 Tage stationärer Aufenthalt, Korsettanpassung noch in Narkose) -> Nachbehandlung bis 36 Monate individuell.

 

Diskussion

 

Während der folgenden Diskussion erhalten die Eltern Gelegenheit, Fragen zu stellen. Herr Professor Dr. Wimmer beantwortet die Fragen gründlich und umfassend.

 

Skoliomed – Werkstatt für Korsetts

 

 

 

Nach dem Mittagessen erhalten wir Gelegenheit, die gegenüberliegende Werkstatt der Firma Skoliomed zu besichtigen. Hier werden Korsetts gefertigt. Herr Kallabinski, Mitbegründer der Firma, und eine Mitarbeiterin zeigen uns die einzelnen Schritte der Fertigung vom Gipsabdruck bis zum fertigen Korsett, individuell angepasst und mit der Option ein Lieblingsdesign aussuchen zu dürfen. Die Muster und Farben reichen von punkig bis cool, natürlich sind auch klassische Designs im Angebot. Die Polsterstoffe haben verschiedenste Eigenschaften je nach ihrer Verwendung. Der Rohstoff für das Korsett, ein spezieller Kunststoff, wird in einer Art übergroßem Backofen erhitzt und damit formbar gemacht. Er wird über den dreidimensionalen Gipsabdruck gezogen und mit Vakuumpumpe exakt angepasst. Dann erhält das Korsett seine speziellen Wirkfelder aus Druck und Entspannung die zusammen agieren: Druckbereiche und Löcher. Eine Perforation sorgt für Belüftung und Gewichtsreduzierung.

 

Protokoll Herta Wechselberger, 2015

Kontakt

Geschäftsstelle: 

Andrea Pfund

 

Tel.: 09102/9990718

Fax: 09102/9990719

 

email: info@rett-bayern.de

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